"these times are made for healing, gathering, celebrating, remembering, reconnecting, speaking up and creating something new"

Bild: Jorinde Wiese



 

 

 

Waldspaziergang

Von Jorinde Wiese, Januar 2019

Es fängt harmlos an mit einem Waldspaziergang, 

du erzählst mir, dass du dich gerade rasiert hastt, ich verstehe nicht warum. 

Du hast einen Plan im Kopf, ich schaue mich um 

Und sehe Bäume, Blätter, Wald 

Ich laufe locker, denke bald, bald küsst du mich, 

vielleicht, wer weiß oder wir laufen nur im Wald im Kreis. 

Du biegst links ab, wir hüpfen über einen Bach, 

du warst Pfadfinder sagst du stolz, ich folge dir nach. 

Plötzlich bleibst du stehen und schaust mich an, 

schaust mich an und fragst ob ich dir einen blasen kann. 

Ich schlucke, blasen, das… ich habe das noch nie,

stammel ich und sage zeig mir bitte wie

und du lächelst und sagst du traust mir das zu, 

Mund auf Penis rein und ich schaue dir zu

Wie du von oben stehend mich penetrierst,

wie du mehr und mehr die Kontrolle verlierst.

Deine Hände sind fest um meinen Kopf, Meine Lippen um deinen…

Ich frage mich gerade wie du das gut finden kannst,

dass ich hier vor dir knie

ohne das wirklich zu wollen,

dass du mich penetrierst

und dabei nicht kapierst,

dass es eklig ist etwas tief in den Hals zu stecken,

dass es krass ist das nicht zu checken!

Ich bin 19, du weit über zwanzig,

Ich verliere gerade den Glauben an Romantik

Und fühle mich als ob ich funktionieren müsse,

Rein-Raus-Rein-Raus wann ist es endlich fertig,

denke ich und in meiner Erinnerung höre ich dein Schnaufen,

und mein Schnappen nach Luft und ein Murmeln,

Hör auf. Denke ich. Hör auf.

Du kommst und ich ducke mich seitwärts weg,

dein Sperma landet irgendwo im Dreck.

So ist das wohl, denke ich ernüchtert

So bläst man einen, denke ich eingeschüchtert. 

Du willst mich anfassen, aber lecken kannst du mich nicht.

Du fragst mich gar nicht, sondern sagst mir das so ins Gesicht,

dass das nicht gehe, weil ich nicht rasiert sei.

Ich sage das möchte ich auch gar nicht und bin immer noch nett zu dir.

Lasse zu, dass deine Finger mich erkunden und mich ganz sicher gerade nicht zum Orgasmus bringen.

Nicht einmal die Frage wie ich mich fühle, wie es mir geht, nicht einmal die Frage ob dir das hier überhaupt

zusteht. Lass gut sein, sage ich, ich muss nicht kommen.

Du hast dein Spiel gewonnen, deinen Ausflug in den Wald,

das ist auf deinem Mist gewachsen,

du wusstest ganz genau was du willst.

Mein erstes Mal war also das hier,

es passt für mich in kein Schema,

deshalb biege ich es mir zurecht, dass ich etwas Aufregendes erlebt habe ist für mich bequemer,

als mir einzugestehen was wirklich passiert ist,

als zu erzählen was wirklich gelaufen ist.

Ich lasse mich danach auf STIs checken, du hattest kein Kondom dabei.

„Hatten Sie Spaß in den Ferien?“, fragt die Ärztin.

Naja… Es kommt darauf an wie man Spaß definiert.

Sie fragt nicht weiter nach, dabei hätte ich gerne geantwortet und ich hatte so viele offene Fragen.

Sexualisierte Gewalt? JA aber…

Ich habe ja nicht nein gesagt, ich habe nicht nach dir getreten, bin nicht weggelaufen. TROTZDEM

Der Ekel bleibt, die Scham das gemacht und erlebt zu haben.

Über die Jahre verdränge ich, so gut, dass ich heute fast vergessen habe wie du aussiehst.

Du warst nicht bedrohlich, das ist ja das verrückte, aber damals im Wald habe ich gefühlt, dass ich keine Wahl

habe, dass es genau so normal ist und dass ich funktionieren muss.

Heute kommt Wut in mir hoch, wenn ich an dich denke, wie du mich an der Hand durch den Wald geführt hast. 

Willst du mir einen blasen, fragst du so als ob du sagst: Willst du mir die Schnürsenkel binden, willst du auch

einen Kaugummi, willst du was essen?

Verdammt. Das ist doch nichts was man bestellt, was man einfordert und sich „machen lässt“.

Wenn ich höre wie manche Witze darüber reißen

denke ich innerlich: Bitte, bitte hört auf damit!

Doch diese Gedanken sind so leise, dass sie wie mein Murmeln damals im Wald verschwinden.

Hör auf. Hör auf. Hör auf.

Hör auf. Sage ich zu mir selber, hör verdammt noch mal auf dich dafür zu schämen!

Fünf Jahre nach diesem Waldspaziergang teile ich nun diesen Text mit euch.

Nicht weil ich ein Opfer bin, nicht weil ich Mitleid will, auch nicht, weil ich hier irgendetwas gewinnen will, darum

geht es mir nicht. Ich will Mut machen solche Geschichten zu teilen, Mut machen, dass man sich NIEMALS

dafür schämen muss.

Ich bin mir sicher, dass irgendjemand in diesem Raum hier etwas Ähnliches erlebt hat. Du bist nicht alleine und

bitte, bitte schäm dich nicht.

Scham ist ein giftiges Gefühl und ich stehe hier nur, weil ich möchte, dass wir uns alle ein bisschen weniger

schämen vor uns selber, vor unseren Partner*innen oder Freunden. Mit meinen eigenen Geschichten möchte ich

ein Beispiel dafür geben, dass es sehr wohl möglich ist gegen die Scham anzukämpfen. Ich bin der festen

Überzeugung, dass es uns allen besser gehen würde ohne Tabus in unserem Leben. Es macht stark, wenn man

Geschichten teilt, die man sich nie getraut hat zu erzählen. 

Und wie Hannah Gadsby sagte: “Nothing is stronger than a broken woman, who has rebuilt herself.”

 

Bild: Jorinde Wiese







Jorinde Wiese

Studentin aus Freiburg, Bloggerin,  WAKE UP Comedy  Erfinderin mit dem ersten Programm "Die Klitoris- das geflügelte Einhörnchen", Sichtbarmacherin der Klitoris und Mythenabschafferin. 

Jorinde schreibt nicht nur leidenschaftlich über die Klitoris, sondern hat auch noch einigen anderen Tabuthemen den Kampf angesagt.
Sie studiert Sinologie und schreibt neben dem Studium an einem Buch über Tabuthemen. Neugierig geworden? Mehr dazu gibt es auf ihrem Blog: http://jorinde.ch  

Links zu Waldspaziergang:

https://jorindech.wordpress.com/2019/03/21/mund-auf-penis-rein-warum-wir-reden-muessen/

https://soundcloud.com/jorindeundjoringel/waldspaziergang