"these times are made for healing, gathering, celebrating, remembering, reconnecting, speaking up and creating something new"

Foto: Kristi Pokorny








Das Verbannte Vulvahaar- Das Verbannte Sie

Etwas Neues begann in Ihrem Körper zu reifen. Sich langsam aus der Tiefe ihres Seins zu bewegen.

Etwas Unbekanntes. Und doch Erwartetes.

Sie betrachtete es mit Verwunderung und Neugier.

Zunächst.

Denn je größer es wurde, desto beängstigender erschien es.

Und so wuchs das Unbekannte und damit ihre Furcht.

Sie geriet in Panik und suchte nach Rat in Bildern und Texten, die sie jedoch in ihrem Wunsch
bestärkten, das Neue so schnell wie möglich von sich zu lösen.

Zu entfernen. Zu entreißen.

Und so zog sie an dem ersten Sprössling und bald schon an dem zweiten.

Doch je mehr sie daran operierte, desto mehr begann es zu wuchern.

Plötzlich hatte sie ein Monster vor sich, das ihr ins Gesicht schaute und das Gefühl von Scham
einhauchte.

„Schäme dich!“, hörte sie in ihrem inneren Ohr, „schäme dich!“

Sie zerrte und schnitt und zog. Doch das Monster wurde größer. Seine Zähne spitzer und seine
Stimme lauter.

Sie wusste sich nicht anders zu helfen als zu größeren Maschinen zu greifen, die größere
Entfernung versprachen.

Und das taten sie.

Sie bändigten das Ungeheuer und hielten es in Schach. Es hatte keine Möglichkeit mehr ans Licht zu
geraten.

Denn sie sorgte regelmäßig für dessen Verstümmlung.

Doch auch wenn sie es nicht sah, spürte sie, wie es tief vergraben war in ihrem Schoß. Tief
verwurzelt in ihrem Sein.

Und je öfter sie starb und erwachte, je häufiger sie zerstörte und erneuerte, desto stärker wurde ihr
Drang danach das Unbekannte zu entlüften. 
Zu belichten. Zu betrachten.

Und ja, sie musste all die Tode erleben und all das Leben ertöten um an diesen mutigen Punkt zu
kommen sich dem Monster zu stellen und es aus seinem Versteck zu holen.

Doch sie fühlte den Wert in ihrer gewonnen Entschlossenheit sich endlich dieser vermeintlich
dunklen Seite zu öffnen. 
Langsam und behutsam.

Und ganz sachte keimte sich eine Vorfreude auf die Enthüllung des Unbekannten auf und erfüllte
jede Zelle ihres Körpers mit Erregung. Alles in ihr begann sich zu bewegen, zu strömen und zu
tanzen.

Sie schaute zu, wie es seine Form annahm, wie es seine Rundungen und seine Kanten erschuf, wie
seine Farbe anfing zu leuchten und seine Oberfläche begann zu scheinen.

Und eines Tages,

ganz unverhofft,

war es da.

Vollkommen.

Und Ganz.

Und sie erkannte sich selbst.

____________________________
ein Text von Kristi Pokorny