"these times are made for healing, gathering, celebrating, remembering, reconnecting, speaking up and creating something new"

Damals

Diese Geschichte spielt sich ab, als ich 13 Jahre alt bin. Bisher wissen nur wenige Menschen davon und auch diese nicht annähernd so ausführlich wie nun hier aufgeschrieben. 

Schon seit einigen Wochen ist es für mich zuhause noch schwerer erträglicher als bisher schon. Ich fühle mich unverstanden, ja drangsaliert, ich bin emotional so ziemlich am Ende und will nur noch weg. Ich habe romantische, tatsächlich sogar recht kindliche Vorstellungen von einem Leben anderswo – meinetwegen auf der Straße oder im Heim, wenigstens eine Zeitlang.
Ich plane mit meiner Freundin Jana mein Ausreißen aus diesen für mich unerträglichen Umständen und wir halten es für eine brillante Idee, dass ich mich – wenigsten für die ersten Tage – im Keller ihres Mehrfamilienhauses verstecke, in dem es einen ‚Clubraum‘ mit einer Couch gibt. Weiter voraus planen wir nicht, das Ganze fühlt auch so aufregend genug an. 
Tagelang überlegen wir, was ich brauche und heimlich packe ich eine Reisetasche mit Kleidung und Dingen, die ich wichtig finde. Dann muss ein günstiger Zeitpunkt gefunden werden. Das aber ist nicht wirklich schwer, denn meine Mutter erwartet mich täglich gegen 20Uhr zurück und ich nehme mir vor, eines Abends einfach nicht nach Hause zu gehen. Die Reisetasche deponieren wir rechtzeitig im Kellerraum. 
Und so mache ich es. Womit ich nicht gerechnet habe, ist mein großer Bruder (der schon seit zwei Jahren nicht mehr zuhause wohnt). An diesem Abend war er zufällig zu Besuch bei meiner Mutter und als ich nicht pünktlich zuhause bin, schickt sie ihn auf die Suche nach mir.
Er weiß ganz genau, wo ich meine meiste Zeit verbringe und findet mich somit recht schnell. Nun ist mein ganzer Ausreiß-Plan in Gefahr, doch ich bin noch nicht gewillt, diesen aufzugeben. Als er mich fragt, warum ich noch draußen bin, antworte ich ihm, dass ich nicht mehr nach Hause gehe. Das versteht er nicht und findet es obendrein unvernünftig bis dumm, er hält mich fest und will mich – notfalls mit Gewalt - nach Hause bringen. Da er sechs Jahre älter und viel stärker ist als ich, ist das absolut möglich. 
In diesem Moment ruft mich Jana von ihrem Balkon aus, ungefähr 200 Meter entfernt von unserem Gerangel. Ich bitte meinen Bruder, mit ihr reden zu dürfen und er lässt mich los. Ich laufe zu ihr, während mein Bruder an seinem Platz bleibt, um auf mich zu warten. 
Aufgewühlt und ziemlich verzweifelt frage ich sie, was ich jetzt machen soll. In ihrem Keller zu verschwinden, ist ausgeschlossen, da mein Bruder uns sehen kann und auch sehen würde, wenn ich ihr Haus beträte. Somit wäre sofort der ganze Plan verunmöglicht und wir versuchen angestrengt, uns auf die Schnelle eine Alternative einfallen zu lassen. Da sagt Jana: „Lauf zu Peter, der lässt dich auf jeden Fall rein“. 
Hier ist eine Sequenz nötig: Peter hatte ich einige Tage vorher kennengelernt, mehr zufällig, als ich Jana auf einem Besuch zu ihm begleitete. Peter ist schon 29 und hat seine eigene Wohnung. Er behandelt uns aber nicht wie Kinder, also von oben herab, sondern gleichberechtigt und unterhält sich gern und angeregt mit uns. Das alles schmeichelt und imponiert uns gewaltig. 
In meiner momentanen brisanten Lage bin ich zwar alles andere als sicher, ob er mir überhaupt Einlass gewähren wird. Ich will jedoch – jetzt erst recht – keinesfalls nach Hause und sehr also Peter als meine einzige Chance, jetzt wegzukommen. 
So laufe ich los – um mehrere Ecken und durch einige Tunneldurchgänge, die hier die Höfe und Wohnblöcke miteinander verbinden. Als mein Bruder begreift, was passiert, rennt er hinter mir her, doch ich bin verzweifelt und laufe sozusagen um mein Leben. Mir ist schlecht vor Angst, mich meiner Mutter stellen zu müssen. 
Ich erreiche Peter’s Wohnhaus und klingle bei ihm. Er kommt an die Gegensprechanlage und ich erkläre ihm außer Atem und in aller Kürze, wer ich bin und dass ich dringend Hilfe brauche. Er lässt mich rein und ich mache schleunigst die Haustür hinter mir zu, renne die ersten paar Treppen hoch und mein Bruder biegt zu spät aus dem letzten Durchgang um die letzte Ecke und weiß nicht, wohin ich verschwunden bin. 
Zitternd nehme ich die restlichen Treppen zu Peter’s Wohnung. Er bittet mich hinein, bietet mir einen Sitzplatz sowie einen Kaffee an und fragt mich, was denn eigentlich los sei. Ich nehme Platz und auch einen Kaffee und erzähle von meiner Flucht und meinem festen Vorhaben, nicht mehr nach Hause zu wollen und auch von den Gründen, aus denen ich überhaupt abgehauen bin. 
Er zeigt sich sehr verständnisvoll und da ich auch meinen Bruder abgeschüttelt zu haben scheine, beruhige ich mich langsam. Wir unterhalten uns und er kümmert sich lieb um mich, macht mir Bratkartoffeln mit Ei zum Abendbrot – mein Lieblingsessen. Irgendwann wird es draußen dunkel und wir reden über mein weiteres Vorgehen. Meine Reisetasche ist noch in Jana’s Keller und ich brauche immernoch eine Bleibe. Es tut mir gut, wie er sich um mich kümmert und ernsthaft auf mich eingeht und ich fühle mich aufgehoben. Ich lasse es zu – und empfinde es sogar als tröstlich, dass er seinen Arm um mich legt. Auch als er mich zu küssen beginnt, befremdet mich das nicht. Im Gegenteil, ich fühle mich geliebt und mache mit. Er ist ganz sanft dabei und überhaupt nicht fordernd, zwischendurch steht er auf und holt uns Wein und zwei Gläser. Ganz nebenbei fragt er mich von der Küche aus, ob ich denn noch Jungfrau sei. Als ich bejahe, macht er eine lässige Bemerkung – so in der Richtung, ob es  mit 13 nicht langsam Zeit wäre. 
Ich möchte erwachsen wirken, nicht wie ein Kind und so täusche ich vor, ich wäre seiner Meinung und halt einfach noch nicht dazu gekommen. Wir reden noch ein wenig und küssen uns, dann fragt er mich, ob ich mit ihm schlafen wolle. Emotional aufgerieben wie ich bin, wage ich keine Ablehnung. Ich glaube, ich muss mitmachen, sonst findet er mich blöd und womöglich ist er dann nicht mehr so lieb zu mir – sondern abwertend oder gar hämisch, wie ich es von zuhause kenne. Womöglich will er mir dann auch nicht mehr helfen. Also lasse ich mich streicheln und ausziehen und tue so, als würde ich es wollen. Als er in mich eindringt, tut es mir sehr weh, obwohl er langsam und vorsichtig dabei vorgeht. Er bewegt sich in mir, fragt zwischendurch, ob es mir gefällt. Ich bin wie gelähmt, bejahe und versuche, ihn meinen Schmerz nicht sehen zu lassen. Er ist groß, weshalb es wohl weiterhin schmerzhaft ist. Da er mich von hinten nimmt, sieht er mein Gesicht nicht und glaubt mir gerne, dass ich es mir genauso wünsche wie er. 
Später saßen wir rauchend beieinander und ich frage ihn, was denn geworden wäre, wenn „das mit uns nicht gewesen wäre“. Ich beziehe mich auf unsere Annäherung und das Küssen, er jedoch antwortet ungerührt: „Wenn du nicht mit mir geschlafen hättest? Dann hätte ich dich wohl nicht hier übernachten lassen“. Ich bin verletzt, bleibe aber ja auf ihn und seine Hilfe angewiesen. Insgesamt verbringe ich vier Nächte, also drei Tage, bei ihm. 
Am zweiten Abend holen wir spät meine Reisetasche aus dem Kellerraum. Jana hat nicht verraten, wohin ich geflohen bin und obwohl mein Bruder und viele seiner Kumpels täglich nach mir suchen, bin ich in meinem Versteck  sicher. Ich wagte mich auch kaum auf die Straße, nur als wir Tasche holen und noch einmal spät abends zu einem Spaziergang. Auch die Polizei fängt an, nach mir zu suchen, was ich aber erst später erfahre. Als nämlich zwei Polizisten bei Peter klingeln, um sich in seiner Wohnung umzuschauen. Jana hatte doch noch geplaudert und sogar mein Bruder stand einmal vor Peter’s Tür und schlug sie fast ein. Peter öffnete nicht und beteuerte immer wieder, dass ich nicht dort sei und die Tür hielt stand. Als die Polizei kommt, nehme ich schnell meine Tasche und verstecke mich ein Stockwerk höher im Hausflur und Peter lässt alle Hinweise auf meine Anwesenheit verschwinden – alles in der kurzen Zeit, die die Polizisten brauchen, um die Treppe heraufzusteigen. Niemand findet heraus, dass ich mich tatsächlich hier versteckt halte. Die hier verbrachten Tage vergehen wie im Nebel – wir reden, er schläft mit mir und offensichtlich gefällt ihm, dass ich „bei ihm wohne“. 
Nach der vierten Nacht halte ich es nicht mehr aus und ich kapiere, dass es mir zuhause doch bei weitem besser gehen würde. Peter findet das nicht wirklich gut und ich versuche, ihm ganz erwachsen zu erklären, dass ich ja nicht für immer hierbleiben könnte, wir uns aber auf jeden Fall wiedersehen würden. Er ist tatsächlich verliebt in mich und lässt sich von mir das Versprechen geben, dass ich nach einer angemessenen Zeit (damit nicht noch nachträglich jemand seine Beteiligung vermutet) einen Zettel in seinen Briefkasten werfe, auf dem ich ihm mitteile, wann ich ihn wieder besuchen komme. Ich warte innerlich ungeduldig bis zum Abend, ertrage seine Abschiedsküsse und -umarmung, dann mache ich mich mit meiner Tasche auf den Heimweg. Ich habe keinesfalls vor, Peter jemals wiederzusehen und bin heilfroh, davonzukommen. 
Als ich meine Wohnungstür aufschließen will, passt er nicht. Ich versichere mich nochmals, vor der richtigen Tür zu stehen, dann klingle ich. Meine Mutter öffnet die Tür und begrüßt mich mit den Worten: „Wo bist du gewesen?“, ihr Tonfall ärgerlich - aber eher so, als wäre ich eine Stunde später als vereinbart zuhause. Dann erklärt sie mir kühl, dass in meinem Bett mein Neffe schläft, da ja niemand hätte wissen können, ob und wann ich heimkäme. Das Schloss hätte sie austauschen lassen, damit ich nicht komme und Geld oder anderes klaue, während die Wohnung tagsüber verlassen wäre. 
Verstört, gedemütigt und tief verwundet krieche ich vorsichtig und leise zu meinem Neffen ins Bett und weine mich in den Schlaf. Halbwegs erfolgreich verdränge ich in den folgenden Monaten und Jahren das Geschehene – auch, weil ich mit niemandem darüber reden kann. Ich schäme mich zu sehr, fühle mich schuldig an meinen Erfahrungen und will keinesfalls, dass irgendwer davon erfährt oder dass andere mir auch noch bestätigen, dass ich selbst schuld bin. Eine entfernte Bekannte erlaubt mir, sie als meine Helferin und ihre Wohnung als mein Versteck anzugeben – so bleibt die Wahrheit in mir verborgen. 
Peter versucht immer mal wieder, mich anzusprechen – nachdem mein Stubenarrest beendet ist und ich wieder draußen unterwegs bin. Ich wehre ihn jedoch ab, will nichts mit ihm zu tun haben. Offensichtlich kann er das nicht verstehen – in seinen Augen haben wir uns liebgewonnen und sind so eine Art Liebespaar geworden, wenn auch ein heimliches. Ich kann ihn nicht mal ansehen. 
Einige Wochen nach meiner Zeit bei ihm verlor ich zuhause auf der Toilette einen blutigen Klumpen, er glitt geschmeidig aus mir heraus und landete in der Schüssel. Ich dachte nicht groß darüber nach, auch wenn mir so etwas noch nie passiert war. Da meine Tage jedoch immer recht stark ausfielen, zählte ich dieses Erlebnis dazu. 

Erst viele Jahre später sollte ich begreifen, was eigentlich passiert war. Sowohl, was Peter mir wirklich angetan hatte als auch, dass ich ein Kind verloren hatte an jenem Tag auf der Toilette. Heute glaube ich, dass es wohl so das Beste war – was den Schmerz über ein verlorenes Kind nicht erleichtert. 
Nun habe ich selbst Kinder und wage mir nicht vorzustellen, was meine Mutter damals durchgemacht haben muss, als ich tagelang verschwunden war. Auch verstehe ich erst jetzt so richtig, was es heißt, ein Kind zu versorgen und weiß einzuschätzen, wie schwer sie es mit uns hatte. Mit 13 Jahren habe ich mich nur abgelehnt gefühlt und meine Mutter und ich haben keine Möglichkeit gefunden, uns gegenseitig zu verstehen. Ich weiß jetzt, dass wir gut versorgt waren und auch sehr geliebt wurden, auch wenn ich es damals nicht wusste.
Mittlerweile bin ich erwachsen, habe meine Erlebnisse verarbeitet und auch meine Sexualität so gut wie geheilt. Noch Jahre danach hatte ich Sex als ein notwendiges Übel empfunden, für das ich mich hergeben muss, wenn ich geliebt werden und Nähe bekommen möchte. Viel Aufarbeitung war nötig, um dies zu ändern und ich bin stolz auf meine Entwicklung. 
Auch der Schmerz um das verlorene Kind, der mich erst im Erwachsenenalter voll erwischte, ist inzwischen geheilt und ich habe meinen Frieden damit gefunden. Der Prozess war langwierig und hart, doch auch hier bin ich stolz darauf, ihn bewältigt zu haben. 
Meine Mutter und ich stehen in täglichem, vertrautem Kontakt miteinander, sind ausgesprochen froh, einander zu haben und so gut zu verstehen und genießen es sehr – wenn wir auch 130km auseinander wohnen. Ich erwäge sogar, sie diese Geschichte lesen zu lassen, damit sie nicht mehr im Dunkeln gelassen wird – die Geschichte sowie auch meine Mutter. Mama, ich liebe Dich sehr!! 

Von Lelia Lippert.

Bild: Lelia Lippert


Bild: Lelia Lippert